Nachdem es gestern geregnet hat, ist es heute wieder heiter. 0725 Tagwache! Der große Lukas packt das wichtigste Gut in seinen Sack, verlässt leise das Quartier, kreuzt die Straße und betritt den geräumigen Parkplatz auf dem der Camper aus Graz abgestellt ist. Dort trifft er Eva und den kleinen Lukas auf ein – Trommelwirbel – Frühstück.
Um 0800 starten wir den Motor des weißen Peugeots und bahnen unseren Weg durch zwölf Kreisverkehre auf das Gelände eines Hotels, das einen eher teuren Eindruck macht. Eva und ich spazieren am großen Eingang vorbei durch einen Garten in dem Birnen und Granatäpfel wachsen, Zitronen, Basilikum und andere Kräuter. Gehen an einem Kinderspielplatz vorbei und erreichen das Tauchzentrum WeDive-Lagos.

Hier treffen wir auf eine kleine Handvoll tauch-begeisterte Menschen, unter ihnen (sprichwörtlich) Julio aus Brasilien, unser Guide. Wir bekommen Schuhe, Flossen, Taucherbrillen, Handschuhe, Kapuzen ein BCD und einen 7 mm dicken Neoprenanzug. Wir tauchen heute im Atlantik bei Tiefentemperaturen von brrr kalt. Nach einer tatsächlich sehr knapp geratenen Bürokratieprozedur steigen wir in einen Kleinstbus, fahren rückwärts aus der Einfahrt und tuckern fünf Minuten in Richtung der Marina wo zwei Boote auf uns warten. Die bereits relativ kleine Gruppe teilt sich in der Mitte. Auf unserem Wassergefährt landen neben uns: ein Skipper, zwei Guides und drei Fremde.

Mein Magen erfreut sich an der Abwesenheit eines Wellengangs, das Wetter ist mild, die Stimmung gut und Skipper Gary hört coole Musik.
Unser erster Stopp ist eine Boje über dem „Hermenegildo Capelo“, einem 102 Meter langen portugiesischen Kriegsschiff aus dem Jahr 1966, das hier 2015 im Rahmen des „Ocean Revival“ Projekts versenkt wurde, um einerseits den Wassertourismus anzukurbeln und andererseits dem leblosen Gebiet vor Lagos neues Leben einzuhauchen.

Vor Ort bekommen wir noch am Deck eine kurze Erklärung zu dem bevorstehenden Tauchgang (unter Wasser ist schwer reden) und machen dann unser Equipment bereit. Kurz darauf platschen wir mit einem Giant Stride in das kühle Blau.

Unsere Gruppe besteht aus Eva, Julio und mir. Großartig überschaubar. Die zweite Gruppe taucht vor uns ab. Julio muss an unserer Leine auf etwa fünf Metern noch eine Ponyflasche montieren, dort wo man beim Aufstieg einen Sicherheitsstopp einlegt. Sie dient als Sauerstoffversorgung im Notfall, sollte jemandem die Luft ausgehen. Julio taucht also voran, Eva gleich hinten nach und ich als Schlusslicht – noch etwas zögerlich, da mein letzter Tauchgang bereits drei Jahre zurückliegt und bei wesentlich besserer Sicht und wärmerem Wasser stattgefunden hat. Außerdem war er nicht so tief.
Ich ziehe mich ein Stück an der Leine entlang, an deren Ende die Fregatte liegt und dann schaltet sich mein Kopf ein: Du siehst fast nix. Du musst da jetzt kopfüber runter. Und dann auch noch auf 30 Meter Tiefe. Und wo ist Julio? Und Eva ist auch kaum mehr sichtbar. Und drei Jahre ist lang. Und dann wird dir wieder kalt. Bist du eh fit genug? Passt das Equipment? Ist alles fest genug? Was wenn du zu schnell atmest und der Tauchgang total kurz wird? Und dann musst du ins Wrack, das ist doch verrückt!
Und mein Kopf gewinnt, schickt einen Panikmoment in meine Brust und Eva ist außer Sichtweite. Zurück in meinen Kopf. Was tun? Ich hasse Boote, ich will doch nicht jetzt eine halbe Stunde da draußen sitzen bis mir übel wird und mich ärgern, dass ich mich nicht runter getraut hab. Aber ich trau mich auch nicht runter. Aber ich liebe das Tauchen… Am Ende siegt die Vernunft, ich drehe um und will auftauchen. Dabei merke ich, dass ich es gar nicht weit nach oben habe, denn ich bin nur knapp unter der Wasseroberfläche hängen geblieben. Komisch…
Ich schwimme also zum Boot zurück, wo Gary wartet und sich gleich nach meinem Wohlbefinden erkundigt. Ich erkläre ihm, dass ich nervös geworden bin und eine potentielle Panikattacke umgehen wollte. Er ist ruhig und gelassen und erklärt mir, dass Julio erst bei der Fünf-Meter-Marke merken wird, dass ich nicht da bin und dann entscheiden, ob er mit Eva zurück kommt oder ob sie ohne mich absteigen. Im Nachhinein betrachtet war die zweite Option wohl eher unwahrscheinlich, kein Guide lässt unbedacht einen Schützling zurück.
Julio und Eva tauchen eine Minute später wieder an der Oberfläche auf. Eva hat ohnehin Probleme mit ihrer Brille, die Wasser auf der Innenseite sammelt und Julio erkundigt sich nach mir. Er löst Evas Brillenproblem und redet mir gut zu. Gute Tauchguides haben eine beruhigende Ausstrahlung und Julio ist ein exzellentes Exemplar. Zwei Minuten später hänge ich mit den Händen wieder an der Leine, direkt hinter ihm und entspannt. Jeder Keim von Nervosität wird sofort erstickt und nach wenigen Metern fühle ich mich wohl, wie gewohnt. Und jetzt wird getaucht.

Wir lassen uns auf etwa 26 Meter herunter und am vorderen Ende des Schiffs auf Höhe der Kanone die Leine zurück. Das Wasser ist deutlich kalt, was besonders bei einem leptosomen Körperbau mit etwas zu kurzem Neoprenanzug relativ bald spürbar wird. Wir packen unsere Taschenlampen aus, denn das Rotlichtniveau ist hier unten sehr gering. Wir betrachten das Schiff von außen, beziehungsweise alles was in etwa fünf Metern Entfernung vor uns liegt, viel weiter sieht man nicht.
Überall wuseln Fische währen wir Fuseln wischen. Dann tauchen wir in die erste künstliche Öffnung an der Schiffsseite und betrachten das Gefährt von innen. Es wurde vor dem Schiffeversenken speziell zum Tauchen hergerichtet, überall wurden Ein- bzw. Ausgänge in die Wand geschnitten, sodass man jederzeit sieht wo es nach draußen geht. Hilft deutlich beim Entspannen!

Auch im Schiff gibt es einige Meeresbewohner:innen zu sehen, besondere Gäste wie Oktopusse oder Seepferdchen sehen wir leider keine. Im Vergleich zu einem Riff ist eigentlich nicht viel los.

Wir durchtauchen das Wrack bis zur Steuerkabine wo ursprünglich das Steuerrad stand, das jetzt aber am Boden liegt. Dann geht es wieder raus und an der Leine nach oben, wo bereits warmer Tee und Kekse auf uns warten.

Etwa eine Stunde und eine kurze Bootsfahrt später bereiten wir uns schon auf den zweiten Tauchgang vor. Mein Parkinson-ähnliches Zittern hat sich gelegt und die Nervosität ist sowieso schon lange Flöten gegangen, sodass ich mich wieder mit Begeisterung ins Wasser fallen lassen kann.

Wir besuchen die Almeide Cervalho, ein Forschungsschiff, das zum ersten Mal 1965 bei einem Unfall gesunken ist und 2013 zum zweiten Mal mit Absicht (in der Zwischenzeit ist es der US-Navy beigetreten).
Beide Tauchgänge dauern für sich etwa 30 Minuten, mein tiefster Punkt (abgesehen von dem beinahe abgebrochenen Tauchgang) liegt bei 30.5 Metern und die niedrigste Temperatur bei 15°C wuschi kalt. Wir fahren zurück an Land, bedanken uns, lassen ein bisschen Geld an der Kasse und verabschieden uns von Julio, dem coolen Guide von WeDive-Lagos. Sehr zu empfehlen!

Lukas, der sich in der Zwischenzeit tankenswerter Weise um den Camper gekümmert, eingekauft und Hannah vom Quartier abgeholt hat, wartet bereits wieder am Hotelparkplatz auf uns. Von dort fahren wir zum nächsten Parkplatz und kochen uns Pasta. Wir diskutieren die Vorteile des Einbringens der trockenen Teigwaren in das kalte Wasser vor dem Aufkochen und genießen dann einen Cuvée zweier Fertigsaucen mit Quinoaresten und Kirchererbsen.
Dann geht es per pedes zum Praia de Vale Covo, wo wir aufgrund einer fehlenden Leiter nach einem abenteuerlichen Sprung im Sand landen.

Hier halten wir uns die nächsten Stunden auf, gleich nachdem wir uns versichern, dass die Ebbe tatsächlich am Kommen ist, weil sonst der Rückweg etwas unmöglich werden könnte. Die Gezeiten sind uns gut gesonnen.
Wir verlassen den Strand als letzte und wandern noch gute 150 Meter am Klippenkamm entlang. Am Weg faszinieren uns diverse fossile Überreste, die in allen Höhen im Sandstein eingeschlossen sind:

Wir verweilen noch ein wenig um den Sonnenuntergang zu genießen.

Das nächste Quartier wartet in Pêra bereits auf uns. Es ist wahnsinnig geräumig, hat eine eigene Stiege in den zweiten Stock, wo es ebenfalls geräumig ist, eine super Küche und eine Terrasse mit Blick auf den Pool.



Zu guter Letzt lassen wir den Abend mit einem kühlen Getränk und ein paar amüsanten Tauchvideos ausklingen und freuen uns auf ein ruhiges Morgen!


2 Kommentare zu “Portugal – Tag 7 – Meer Tiefgang braucht das Land”
Escape room im Atlantik?
Schöne Bilder!
Portugal steht eindeutig auf der to do Liste und der Reiseführer noch immer im Regal
Ja, und September ist echt eine gute Mischung aus nicht zuuu vielen Leuten und angenehmer Temperatur 😉